Wir freuen uns darüber, dass die erste Auflage dieses Buches – wir hatten 2500 Exemplare gedruckt – in nicht einmal einem Monat verkauft werden konnte. Und wir freuen uns über die positive Resonanz bei vielen Lesern und Medien. Das Buch hat weit über Stuttgart hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt. Berichte gab es in verschiedenen Regionalzeitungen, in bundesweit erscheinenden Blättern wie dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und in englischsprachigen Zeitungen. Auch Hörfunk- und Fernsehanstalten sowie Agenturen und Online-Medien haben berichtet oder das Buch rezensiert. Die Stuttgarter Zeitung hat im Wirtschaftsteil einen Auszug aus dem Porsche-Kapitel von Ulrich Viehöver vorab veröffentlicht.Überschrift: Porsche – die dunklen Seiten in Zuffenhausen.
Einige der Pressestimmen stehen auf der Buchrückseite. Hier weitere Auszüge: „Der Filmemacher und Journalist Hermann G. Abmayr hat 30 Autoren um sich geschart und ein Buch herausgegeben, das die Täter von damals benennt und beschreibt und erneut die Frage aufwirft, warum sich so viele von den Nazis instrumentalisieren ließen.“
Barbara Czimmer, Stuttgarter Nachrichten, 2. Oktober 2009
„Das Buch macht die viel zitierte ,Banalität des Bösen' greifbar, indem es die Umstände und Motive beschreibt, die Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten zu Stützen eines verbrecherischen Systems werden ließ.“
Oliver Stenzel, lift Stuttgart, Oktober 2009
„Auch wenn sich das Buch nur auf Stuttgarter Täter zu konzentrieren scheint, ist es dennoch auch für Nicht-Stuttgarter sehr lesenswert: Denn diese ‚ganz normalen Menschen’ gab es überall in Deutschland. Gestern wie heute.“
Ramona Ambs, buecher.hagalil.com, 20. Oktober 2009
„A significant chapter is devoted to Porsche's founder, Ferdinand Porsche (1875–1951). Viehover describes him as ,Hitler's favorite engineer' and says the men knew each other.“
Ofer Aderet, Haaretz, 11. Oktober 2009
Der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau nannte das Buch überfällig: „Das oft – und leider oft auch inhaltsleer – beschworene ‚Nie wieder’ bleibt wirkungslos, wenn wir die Namen und Charaktere der damaligen Täter nicht kennen. Mich schreckt, wie nahe sie unserer heutigen Zeit sind.“
Wir freuen uns auch über die große Resonanz, die die erste Lesung aus unserem Buch im Stuttgarter Schauspielhaus hatte. Einige Ausschnitte haben wir ins weltweite Netz gestellt. Sie können unter „Stuttgarter-NS-Täter.de“ unter der Rubrik „Lesung“ betrachtet werden.
Erfreulich ist die Reaktion der Porsche AG auf die Recherchen von Ulrich Viehöver. Das Unternehmen will unabhängige Historiker mit einer Studie beauftragen, die sich mit den neuen Erkenntnissen befassen soll. Dies hat Porsche der israelischen Zeitung „Haaretz“ gesagt.
Offen geht Helga Breuninger, die Enkelin des NS-Täters Alfred Breuninger, mit der Vergangenheit ihrer Familie um. Gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“ erklärte sie: „Ich finde die Intention des Buches richtig.“
Auch Stuttgarter Gemeinderäte wollen, dass sich die Stadt intensiver mit ihrer NS-Vergangenheit beschäftigt. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hat Mitte Oktober angekündigt, beim Stadtarchiv einen Arbeitskreis bilden zu wollen, der die Zeit des Nationalsozialismus erforscht. Dem Kreis sollen Experten der Universitäten, Archive, Museen und Gedenkstätten angehören.
Einige Autoren haben um kleine Korrekturen gebeten. Dabei ging es neben Schreibfehlern beispielsweise um eine falsche Signatur, einen falschen Zeitungstitel oder um die Präzisierung einer Aussage, die erst nach Redaktionsschluss möglich war.
„Es gibt Ungeheuer, aber es sind zu wenige, als dass sie wirklich gefährlich werden
könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.“
Primo Levi.
Oft sahen sich die NS-Täter nur als Befehlsempfänger. Ihr Standardsatz
lautete:
„Wir haben nur unsere Pflicht getan für Volk und Vaterland.“ Doch wer war eigentlich
ein NS-Täter? Nur Hitler und seine Massenmörder? Sicher nicht. Die Spannbreite
der Täter, denen wir uns in diesem Buch anzunähern versuchen, ist groß. Sie
reicht vom Mitläufer bis zum Massenmörder.[1]
In den 38 Personen-Kapiteln stellen wir 45 Täter ausführlich vor – zum
Teil in Doppelporträts. Die beiden Richter-Kapitel enthalten außerdem eine
Aufstellung von zwölf „Rasseschande“- und Sonderrichtern und deren Urteile.
Und im Kapitel
über die braune Rathausspitze zählen wir eine ganze Reihe von Tätern auf, die
ansonsten nicht näher beschrieben werden.
Mit Ausnahme von Ferdinand Porsche
sind nur wenige der vorgestellten Täter
halbwegs bekannt; viele sind in der öffentlichkeit noch nie genannt worden.
Es sind Richter, Ärzte, Unternehmer oder Gemeinderäte, Gestapo-Leute, KZ-Aufseher
oder Denunzianten. Es sind Mitglieder der NSDAP, aber auch einige Nicht-Mitglieder.
Es sind Straftäter, die verurteilt wurden, und es sind Täter, die sich nie
vor einem Gericht rechtfertigen mussten. Ihre Tat war – unabhängig davon, wie
man sie rechtlich beurteilen mag – immer auch eine politische. Sie haben den
zwölf
Jahre dauernden Terror des NS-Regimes dadurch ermöglicht, dass sie mitgemacht
haben – als Verkünder rassistischer Theorien, als gläubige NSDAP-Mitglieder,
als von den Nazis ernannte Gemeinderäte, der Karriere oder sonstiger Vorteile
wegen oder, oder, oder.
Die 30 Autorinnen und Autoren dieses Buches beschreiben
je nach Fall und Quellenlage NS-Täter und ihre Taten, deren Banalität und teilweise
auch die Umstände,
die dazu führten. Wir wollen uns nicht mit der herkömmlichen These begnügen,
dass die Täter Sadisten oder lediglich Befehlsempfänger oder Schreibtischtäter
waren – Sadisten, die als SS-Mörder auf die Welt kamen, Schreibtischtäter,
die 16
vom Mordgeschehen weit entfernt waren, oder Befehlsempfänger, die nicht anders
handeln konnten. Neuere Forschungen zeigen, dass es keinen homogenen
Tätertyp gibt.
NS-Täter zu werden war (und ist) kein Naturgesetz. Die beiden
KZ-Aufseher Wilhelm Boger und René Roman (KZ Echterdingen), über die dieses
Buch berichtet, sind nach dem Krieg verurteilt worden. Ein anderer KZ-Aufseher,
Erwin Dold, wurde am 1. Februar 1947 von einem französischen Militärtribunal
in Rastatt wegen „erwiesener Unschuld“ freigesprochen. Das Urteil stützt sich
auf die Aussagen von ehemaligen Häftlingen. Auch das war möglich: Dold hatte
für die
Häftlinge Kleidung und Nahrung besorgt und er hatte sich geweigert, für eine
geplante Erschießung von 23 sowjetischen Offizieren ein Exekutionskommando
zu benennen.
Ich hoffe, dass dieses Buch einen kleinen Beitrag bei der dringend
nötigen
NSTäter-
Forschung leistet. Die Erforschung des „Referenzrahmens“, in dem die Täter
gehandelt haben, befindet sich noch am Anfang. Dieser vielschichtige Rahmen,
der wirtschaftliche, politische, soziale, psychologische und andere Faktoren
beinhaltet, bildet die Struktur für die Wahrnehmung des einzelnen Menschen
und damit für
seine Interpretationen, Entscheidungen und für seine Handlungen.[2] Wenn wir
all diese „Referenzen“ analysieren, können wir besser verstehen, warum ein
Mensch NS-Täter wurde. Und dies ist wichtig, um aus der Geschichte zu lernen
(siehe dazu auch das einleitende Kapitel von Wolf Ritscher).
„Täter“ gibt es auch heute noch – in Deutschland und anderswo. Wir alle
tun etwas, sind gesellschaftliche Wesen und insofern „Täter“. Manche sind
Wohltäter,
helfen anderen oder helfen sich gegenseitig. Andere sind übeltäter, verantwortlich
für soziale Not, für Terror oder dafür, dass Menschen zu Tode kommen. Niemand
ist prinzipiell davor gefeit. Täter-Forschung ist deshalb nicht nur ein Rückblick
auf das „Dritte Reich“, auf furchtbare Juristen, mordende ärzte oder diejenigen,
die sich lediglich als Mitläufer betrachtet haben. Täter-Forschung ist eine
Aufgabe der Gegenwart. Wer meint, ein (Übel-) Täter sei an seiner braunen, schwarzen
oder sonst einer Uniform zu erkennen, der irrt. Das galt, wie dieses Buch zeigt,
nicht einmal für die Nazizeit.
Das Buch „Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer
bis zum Massenmörder“ geht
auf eine Initiative aus Stuttgarter Stolperstein-Gruppen zurück. Bisher haben
sich die Initiativen um die Opfer gekümmert – um Männer, Frauen und Kinder
aus Stuttgart, die von Nazideutschland ermordet wurden. über 500 Steine haben
die mittlerweile 14 Stadtteil-Initiativen in den vergangenen sechs Jahren zusammen
mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt. Sie haben damit am letzten Wohnort
der Opfer eine Spur hinterlassen. Die Steine erinnern an ermordete Juden, Sinti,
Behinderte, psychisch Kranke, Deserteure, Zeugen Jehovas, Nazigegner und Widerstandskämpfer.
2006 haben die Initiativen ein Buch
über einige der Opfer vorgelegt, denen sie Stolpersteine gewidmet hatten.[3]
Mit ihrer Arbeit haben die Stolperstein-Gruppen dazu beigetragen, dass das
Thema Nationalsozialismus auch als ein Thema der Stadt und ihrer Bewohner
erkannt wird. Mit den Stolpersteinen wurde deutlich, dass die Opfer nicht aus
fernen Regionen stammten und irgendwo im Osten ermordet wurden. Nein, sie
waren unsere Nachbarn, wohnten oder arbeiteten in unseren Straßen, hatten Familien
und Freunde hier.
Bei den Recherchen über die Opfer sind die Mitglieder der
Initiativen immer wieder auf Namen von Stuttgartern gestoßen, die auf die eine
oder andere Weise in die Verfolgung verstrickt waren. So stieß Karl-Horst Marquart
von der Vaihinger Stolperstein-Initiative auf die Namen der NS-Täter Hans Junginger
und Wilhelm Fischer. Marquart hatte über den Tod der NS-Opfer Gottlob Häberle
und Eugen Banz geforscht, denen je ein Stolperstein gewidmet wurde. Harald
Stingele interessierte sich – als langjähriger Mitarbeiter des Stuttgarter
Jugendamts – für den
Fürsorgebeamten Karl Mailänder. Der Name ist ihm bei den Recherchen über die
Ermordung der Geschwister Kurz, vier Zigeuner-Kinder aus Stuttgart-Bad Cannstatt,
begegnet. Gerhard Hiller von der Initiative im Stuttgarter Osten stieß auf
den Namen Eugen Notter. Notter übernahm in der Nazizeit ein Haus, vor dem heute
mehrere Stolpersteine für ermordete Juden liegen. Kannte Notter die Bewohner
des Hauses? War er ein Profiteur der „Arisierung“? Und wenn ja, was hat er
getan, um das Haus zu bekommen? Die Recherchen ergaben, dass Notter ein brauner
Arbeiterführer war und im Gemeinderat saß. über einen anderen Fall stieß Gerhard
Hiller auf den Namen des Reichsbankrats Ernst Niemann, der etliche Stuttgarter
Juden finanziell erpresst hatte.
Stuttgarter Bürger haben sich bei der „Arisierung“ bereichert,
haben gefoltert oder haben gemordet. Die meisten von ihnen haben Kinder und
Enkel, die unter uns leben und sich in sehr unterschiedlicher Art und Weise
mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen. Zwei von ihnen haben einen Beitrag
für dieses Buch
verfasst – nicht mit der Distanz des Historikers oder des Journalisten, sondern
subjektiv: Malte Ludins Vater ist wegen seiner Verbrechen 1947 zum Tode verurteilt
worden. Ursula Bogers Großvater, ein KZ-Aufseher, ist im ersten Auschwitz-Prozess
in Frankfurt zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt worden.
Wir haben
aber auch Familienangehörige erlebt, die mit einer gerichtlichen
Auseinandersetzung drohten. So hat sich ein Rechtsanwalt gemeldet, der die
Interessen 18
einer Angehörigen eines Sonderrichters vertritt. Er sei „mit der Geltendmachung
von Unterlassungs- und Schadensersatzansprüchen“ beauftragt worden. Und er
wollte noch vor Erscheinen dieses Buches Einfluss auf das entsprechende Kapitel
nehmen.
Den Autorinnen und Autoren ist es in vielen Fällen gelungen, Täter und
Taten zu beschreiben, über die bisher noch nie oder nur in Randbemerkungen
publiziert wurde. über Ferdinand Porsche (und seinen Sohn Ferry) gibt es zwar
einige Veröffentlichungen,
aber die beziehen sich vor allem auf den „genialen Ingenieur“
und das Volkswagen-Projekt. über das Wirken des Porsche-Piëch-Clans während
der Nazizeit in Stuttgart ist bisher wenig bekannt. Autor Ulrich Viehöver hat
sich deshalb genau darauf konzentriert. Er kann jetzt erstmals die Wege der
Porsche- Millionen nachzeichnen, die während der Nazizeit angehäuft wurden.
Und er enthüllt,
dass der Clan noch kurz vor Kriegsende so viel Geld abgezwackt und nach
österreich transferiert hat, dass die Firma in Zuffenhausen weder die Lieferanten
noch die Löhne bezahlen konnte. Viehöver macht auch Schluss mit der Legende,
Porsche in Zuffenhausen sei nur ein Konstruktionsbüro mit angeschlossener Werkstatt
gewesen. Nein, Porsche ist während der Nazizeit sprunghaft gewachsen und
beschäftigte 1944 über 600 Männer und Frauen, im Laufe der letzten Kriegsjahre
auch mehrere Hundert Zwangsarbeiter.
Porsche hat zwar viel Geld für das neue
Museum in Zuffenhausen ausgegeben, doch eine kritische Untersuchung der eigenen
NS-Geschichte steht noch immer aus. Das Gleiche gilt für Firmen wie die Kaufhäuser
Breuninger und Breitling (siehe die Beiträge in diesem Buch). Andere Unternehmen,
wie VW oder Daimler, haben sich zumindest in den 80er- und 90er-Jahren für
mehr Offenheit entschieden; die Unternehmensleitungen haben Historiker damit
beauftragt, die Firmengeschichte in der NS-Zeit zu erforschen und die Ergebnisse
zu publizieren.
Die Recherchen über die Stuttgarter NS-Täter waren oft schwierig.
So wollte die Stuttgarterin Gertrud Moll für dieses Buch über den Bosch-Ingenieur
Emil Koch [4] schreiben. Er hatte im Spruchkammerverfahren eingeräumt, russische
Kriegsgefangene im Zweigwerk in Stuttgart-Mühlhausen geschlagen zu haben.
Doch über das Leben Kochs war nicht viel zu erfahren, sodass wir das Kapitel
streichen mussten. Gerhard Hiller wollte über den Notar Thomas Renner [5] schreiben.
Auf dessen Namen wurde Hiller bei den Recherchen über den Tod von Anna
Wieler und des Ehepaars Benno und Ida Jakob aufmerksam. Sie wohnten in der
Werfmershalde 12. Thomas Renner ist in das Haus 1942 eingezogen. Hiller hat
herausgefunden, dass sich der Notar in der NS-Zeit nicht auf die Verwaltung
des Grundbuchs und die Beurkundung von Willenserklärungen beschränkt hatte.
Er machte zusammen mit seiner Ehefrau auch eigene Grundstücksgeschäfte und
profitierte von der „Arisierung“. Für ein Renner-Kapitel gab es allerdings
ebenfalls zu wenige Quellen.
Angesichts der zum Teil schlechten oder auch widersprüchlichen
Quellenlage und der vielen Halbwahrheiten und Lügen, die während und nach der
NS-Zeit verbreitet wurden, war es nicht einfach, das Leben der Täter und ihre
Taten zu beschreiben. Fehler sind deshalb nie ausgeschlossen. Für entsprechende
Hinweise sind wir dankbar.
Stuttgart, Ende September 2009 Hermann G. Abmayr
Fußnoten
[1] Bei den Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg war der „Mitläufer“ die
vierte von fünf Kategorien.
An erster Stelle stand der „Hauptbelastete“, es folgten der „Belastete“ und
der „Minderbelastete“.
An fünfter Stelle stand der „Entlastete“.
[2] Siehe dazu auch Welzer, Harald:
Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder
werden. Frankfurt/Main 2005.
[4] Emil Koch, geboren am 8. Dezember 1899, stammte aus Stuttgart-Weilimdorf.
[5] Thomas Renner, geboren am 30. August 1898 in Stuttgart, war seit 1938
Bezirksnotar – eine
schwäbische Variante des Amtsnotariats –, zuletzt im Bezirksnotariat A Stuttgart,
Urbanstraße
31a.