Leseproben

Sigrid Brüggemann
Walter Stahlecker
Chef der Gestapo in Stuttgart und Massenmörder

Hermann G. Abmayr
Albert Widmann
Chemiker der Vernichtung

Walter Nachtmann
Wilhelm Murr und Karl Strölin
Die „Führer“ der Nazis in Stuttgart


Sigrid Brüggemann
Walter Stahlecker
Chef der Gestapo in Stuttgart und Massenmörder

Er besaß einen gehörigen persönlichen Ehrgeiz, außergewöhnliche organisatorische und intellektuelle Fähigkeiten sowie eine unbedingte Loyalität gegenüber SS-Führer Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich, dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes. Dies machte Walter Stahlecker universell einsetzbar. Aus dem stellvertretenden Leiter der Württembergischen Politischen Polizei in Stuttgart wurde einer der effizientesten und skrupellosesten Vollstrecker der nationalsozialistischen Ideologie und Vernichtungspolitik.

Walter Stahlecker wurde am 10. Oktober 1900 als zweiter Sohn des protestantischen Pfarrers Paul Eugen Stahlecker und seiner Frau Anna, geborene Zaiser, in Sternenfels im Kreis Maulbronn geboren. Er wuchs in einem streng deutschnationalen Elternhaus auf. Der Vater leitete ab 1905 die Mädchenrealschule in Tübingen, weshalb die Familie in die Universitätsstadt zog. Walter Stahlecker besuchte dort das Gymnasium und kam direkt von der Schulbank weg noch zu einem kurzen Kriegseinsatz im September 1918.

Im Frühjahr 1919 schloss sich Walter Stahlecker dem bewaffneten Tübinger Studentenbataillon an und zog mit dieser Gruppe unter der Parole „Metzelsuppe“ im März 1919 nach Stuttgart, um die Republik vor dem von der politischen Linken ausgerufenen Generalstreik zu „schützen“. Auch bei anderen Gelegenheiten kämpfte er mit seiner akademischen Truppe gegen linke Aufständische. So bewegte er sich früh in einem Umfeld, das seine rechtsextreme, antidemokratische Ausrichtung verstärkte.

Nach der durch den Versailler Friedensvertrag erzwungenen Demobilisierung des Bataillons stellte er sich mit einem Teil der Einheit der württembergischen Polizeiwehr zur Verfügung. Nachdem auch diese nicht weiter bestehen durfte, betätigte sich Stahlecker in militant nationalistischen und antisemitischen Organisationen wie dem „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“. Diese Organisationen bildeten oftmals die Basis der neu gegründeten NSDAP-Ortsgruppen. 1921 wurde Stahlecker Mitglied der bald schon verbotenen NSDAP.

Mit Beginn seines Jurastudiums 1920 trat Stahlecker, der Familientradition entsprechend, der ebenfalls extrem nationalistischen studentischen Verbindung „Lichtenstein“ bei. Die dort gepflegten gehobenen Umgangsformen trugen viel zu seinem späteren gewandten Auftreten auf dem gesellschaftlichen Parkett bei.

Sein Jurastudium beendete er 1924; drei Jahre später erfolgte die Promotion. Politisch profilierte er sich nun nicht mehr; er betrieb stattdessen seine berufliche Karriere. 1927 trat er in den württembergischen Landesdienst ein, avancierte schon zwei Jahre später zum Regierungsrat und übernahm im Herbst 1930 die Leitung des Arbeitsamts Nagold. 1932 heiratete er Luise-Gabriele von Gültlingen, die altem schwäbischen Reichsadel entstammte.

Nach der Machtübernahme der Nazis fiel sein „Versäumnis“, der im Februar 1925 neu gegründeten NSDAP nicht beigetreten zu sein, unangenehm auf. So gab er an, die Mitgliedschaft wegen einer angeblichen Weisung der Partei erst im Mai 1932 beantragt zu haben. Durch Protektion des Reichsstatthalters Wilhelm Murr erhielt Stahlecker eine deutlich niedrigere Parteinummer und wurde Ende Mai 1933 stellvertretender Leiter der Württembergischen Politischen Polizei.

Anfang Mai 1934 wurde auf ausdrücklichen Wunsch Murrs der bisherige Leiter des Politischen Landespolizeiamts, Hermann Mattheiß, seines Amtes enthoben. Stahlecker, mittlerweile als Oberregierungsrat bei der Vertretung Württembergs in Berlin tätig, sollte sein Nachfolger werden, was rückwirkend auf den 14. Mai 1934 datiert wurde. Ob Stahlecker am gewaltsamen Tod von Mattheiß im Juni 1934 beteiligt war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die kurze Notiz Murrs über Stahlecker – „Er ist durchaus zuverlässig und hat auch am 30. Juni größte Umsicht und Tatkraft an den Tag gelegt“ [1] – weist auf eine Beteiligung an der Niederschlagung des „Röhm-Putsches“ hin.

Mittlerweile hatte die Familie eine standesgemäße Wohnung in der Gustav- Siegle-Straße 41 in bester Stuttgarter Halbhöhenlage mit schöner Aussicht über die Stadt bezogen. Im Juli 1934 kamen die Zwillinge Kristine und Konrad zur Welt, später folgten noch Gisela und Boto.

Im dienstlichen Umgang deutlich verbindlicher als sein Amtsvorgänger, setzte Stahlecker dessen Kampf gegen die ausgemachten Gegner des Nationalsozialismus nachdrücklich fort. Als im Herbst 1934 die evangelische Landeskirche im nationalsozialistischen Sinne gleichgeschaltet werden sollte, widersetzte sich der Landesbischof Theophil Wurm. Stahlecker verhängte Hausarrest und drohte mit Schutzhaft. [2] Gegen Verleger der katholischen Publikationen, die sich weigerten, den NS-Tenor zu übernehmen, hagelte es Verbote. So musste das „Deutsche Volksblatt“ am 1. November 1935 sein Erscheinen einstellen; der Chefredakteur erhielt Berufsverbot. Auch das „Sonntagsblatt“, eine demokratische Wochenzeitung, wurde ständig von der Politischen Polizei überwacht, denn es hatte seiner Leserschaft offiziell unterdrückte Nachrichten verklausuliert mitgeteilt. Infolgedessen untersagte Stahlecker dem Herausgeber Erich Schairer jegliche weitere publizistische Tätigkeit. [3]

Hauptfeinde waren jedoch nach wie vor die Mitglieder der verbotenen Linksparteien. Nach den ersten großen Verhaftungswellen im Frühjahr 1933 hatten sich sowohl die Kommunisten als auch die Sozialdemokraten teilweise reorganisiert. Mitte 1935 allerdings war Stahleckers Politische Polizei den meisten Widerstandsgruppen auf die Spur gekommen. Viele der Verhafteten wurden nach Verbüßung ihrer Gefängnis- oder Zuchthausstrafe in Konzentrationslager verbracht. Ein besonders erfolgreicher Schlag gelang ihm im Laufe des Jahres 1935 mit der Aufdeckung des kommunistischen Widerstandskreises um Stefan Lovász. Die Gruppe hatte Informationen über die deutsche Aufrüstung gesammelt und an Mittelsmänner in der Schweiz weitergegeben. Vier Mitglieder der Gruppe, unter ihnen Stefan Lovász und Lilo Herrmann, wurden im Juni 1937 vom in Stuttgart tagenden Volksgerichtshof wegen „Landesverrat in Tateinheit mit Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 20. Juni 1938 in Berlin-Plötzensee hingerichtet (siehe auch das Kapitel über die Wicker-Brüder).

Im Zuge der Umstrukturierung und Zentralisierung der Länderpolizei wurden 1936 die Politische Polizei und die Kriminalpolizei als Sicherheitspolizei (Sipo) unter der Leitung von Reinhard Heydrich zusammengefasst. Von nun ab hießen alle früheren Organisationen der Politischen Polizei im Reich „Geheime Staatspolizei“ und das bisherige Württembergische Politische Landespolizeiamt führte ab dem 1. Oktober 1936 die Dienstbezeichnung „Geheime Staatspolizei – Stapo-Leitstelle Stuttgart“.

Stahlecker führte die neue/alte Dienststelle jedoch nur noch ein halbes Jahr. Mit der Versetzung in gleicher Funktion nach Breslau war die Zeit in Stuttgart für ihn beendet. Mitte September zog auch seine Familie nach Breslau.

Ein neuer Karriereschub ergab sich mit der Ernennung zum Inspekteur der Sipo und des Sicherheitsdienstes (SD) der NSDAP für Österreich nach dessen Annexion im März 1938. Stahlecker, nun Heydrich direkt unterstellt, organisierte hier den Aufbau der Gestapo und sorgte in enger Zusammenarbeit mit Adolf Eichmann für eine möglichst rasche Vertreibung der österreichischen Juden. Eichmann verband mit Stahlecker ein fast freundschaftliches Verhältnis. Er beschrieb Stahlecker später als „außerordentlich lebendig und aktiv“, „vielleicht auch etwas ehrgeizig, aber immer auf der Suche nach schöpferischen Ideen“. [4]

Doch auch Stahleckers Wiener Aufenthalt währte nicht lange. Bereits im Herbst 1938 benötigte man den Mann mit den „schöpferischen Ideen“ im Sudetenland zur Niederwerfung der politischen Gegner. Nach der Zerschlagung der Rest- Tschechoslowakei setzte ihn Heydrich als Befehlshaber der Sipo und des SD im Protektorat Böhmen und Mähren ein, wo er in bewährter Weise wieder mit Eichmann zusammenarbeitete. In gleicher Funktion waren Stahleckers Dienste im 1940 eben besetzten Norwegen gefragt, bevor er schließlich Ende des Jahres als Ministerialrat von Heydrich ins „Auswärtige Amt“ nach Berlin beordert wurde.

Walter Stahlecker war zur „Durchführung der sicherheitspolizeilichen Aufgaben“ universell einsetzbar. Trotz seiner rechtsextremen politischen Sozialisation war er kein fanatischer Hitzkopf. Nüchtern und zweckrational schuf er die optimalen Bedingungen, um die politischen Gegner unschädlich zu machen. Ganz im Sinne Himmlers, der von seinen SS-Führern ein gewisses Maß an selbstständigem Handeln forderte, analysierte er die Gegebenheiten bei der Besetzung eines Landes sehr genau und leitete daraus die zu unternehmenden Schritte ab. Stahleckers Berichte, die sich unter anderem auch mit wirtschaftlichen und kulturellen Fragen befassten, wurden in Berlin hoch geschätzt und empfahlen ihn als Führungspersönlichkeit.

Im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 konnte Stahlecker erneut seine vielseitige Verwendbarkeit unter Beweis stellen. Anfang Februar 1941 war er zum SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei befördert worden. Nun entfaltete er als Leiter der Einsatzgruppe A unmittelbar nach der Besetzung des Baltikums und Nordrusslands ein mörderisches Treiben, das alles Bisherige in den Schatten stellen sollte.

Mit gewohnter Gründlichkeit entwickelte er sein Vorgehen. Er bemühte sich darum, dass seine Einsatzgruppe gleichzeitig mit der Wehrmacht in die größeren Städte einzog, um dort sofort kollaborationsbereite einheimische Kräfte für die „Drecksarbeit“ einzuspannen. In seinem Tätigkeitsbericht vom 15. Oktober 1941 liest sich das folgendermaßen: Es „wurden schon in den ersten Stunden nach dem Einmarsch, wenn auch unter erheblichen Schwierigkeiten, einheimische antisemitische Kräfte zu Pogromen gegen die Juden veranlasst. Befehlsgemäß war die Sicherheitspolizei entschlossen, die Judenfrage mit allen Mitteln und aller Entschlossenheit zu lösen.“ Dann berichtete Stahlecker von „ungewöhnlich harten Maßnahmen, die auch in deutschen Kreisen Aufsehen erregen mussten“. Es sei deshalb nicht erwünscht gewesen, dass die Sicherheitspolizisten dabei sofort in Erscheinung traten. [5]

Stahleckers Einsatzgruppe A war die erste Einsatzgruppe, die systematisch auch jüdische Frauen und Kinder ermordete. Ebenfalls als Erster konnte Stahlecker Ende 1941 seinem Chef Heydrich berichten, dass seine Einsatzkommandos eine ganze Region (Estland) „judenfrei“ gemordet hatten.

In einem Bericht vom Februar 1942 meldete Stahlecker, unverkennbar eine weitere Beförderung erhoffend, die „stolze“ Zahl von 240.410 Menschen, die seinen Einsatzkommandos bis dato zum Opfer gefallen seien. Mit geradezu monströs anmutender Sachlichkeit hatte er wehrlose jüdische Männer, Frauen und Kinder töten lassen und unter dem Titel „Partisanenbekämpfung“ einen gnadenlosen Krieg gegen die sowjetische Zivilbevölkerung geführt.

Am 23. März 1942 schließlich fiel Walter Stahlecker seiner eigenen Taktik „Terror gegen Terror“ zum Opfer. Er wurde bei einem Partisanenangriff in Krasnogwardeisk (heute Gatcina) – während der Belagerung des nahe gelegenen Leningrads – schwer verwundet und starb noch auf dem Flug nach Prag. In der Prager Burg verabschiedeten zahlreiche hohe Vertreter von Staat, NSDAP und Wehrmacht seine sterblichen Überreste mit einer pompösen Feier.

Quellen und Literatur

HStAS E 130b Bü 1065
HStAS E 130c Bü 112
StAL EL 48/2 I Bü 3119, Bü 265 und Bü 1751
Krausnick, Helmut/Wilhelm, Hans-Heinrich: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938–1942, Stuttgart 1981
Lang, Hans-Joachim: Die mörderische Karriere des Walter Stahlecker, in: Geschichtswerkstatt 29, Freiburg 1997, S. 147–156
Müller, Roland: Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 1988
Ruck, Michael: Korpsgeist und Staatsbewußtsein. Beamte im deutschen Südwesten 1928 bis 1972, München 1996
Schneider, Christian: Reinheit und Ähnlichkeit. Anmerkungen zum psychischen Funktionieren ganz normaler deutscher Massenmörder, in: Mittelweg 36, Zeitschrift des HIS, 7. Jg., Febr./März 1998
Schuhladen-Krämer, Jürgen: Die Exekutoren des Terrors. Hermann Mattheiß,
Walther Stahlecker, Friedrich Mußgay, Leiter der Geheimen Staatspolizeileitstelle Stuttgart in: Michael Kissener und Joachim Scholtyseck (Hg.): Die Führer der Provinz. NS-Biographien aus Baden und Württemberg, Konstanz 1999, S. 405–443
Wildt, Michael: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamts, Hamburg 2003
Ders.: Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der SD des Reichsführers SS, Hamburg 2003
Wilhelm, Friedrich: Die württembergische Polizei im Dritten Reich, Stuttgart 1989

[ 1] Brief von Murr v. 28.7.1934 an die NSDAP-Zentrale München.
[2] Vgl. Ruck, S. 119f.
[3] Vgl. Müller, S. 117f.
[4] Zit. nach Schuhladen-Krämer, S. 424.
[5] Zit. nach Lang, S. 153.

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Hermann G. Abmayr
Albert Widmann
Chemiker der Vernichtung

„Was machen Sie denn bei der Naturfreunde-Jugend?“, fragt Ellen Breitlings neuer Chef, ein Mann mit breiter Stirn und akkurat gekämmtem Haar. „Gehen Sie doch zur evangelischen Mädchen-Schar wie meine Töchter.“ Das war im Frühjahr 1958. Die 21-jährige Ellen Breitling hat gerade bei der Lackfabrik Votteler in Münchingen bei Stuttgart als Sekretärin begonnen. Und sie traut sich nicht, Albert Gottlob Widmann, der in weißem Arbeitskittel vor ihr steht, zu widersprechen. Der Chefchemiker setzt sein Diktat fort, ein neues Lack-Rezept.[1] Wie er über seine frühere Karriere denkt, als er nicht mit Lacken Versuche machte, sondern mit der Tötung von Menschen, ist nicht bekannt.

Albert Widmann lebt zu dieser Zeit mit seiner Frau Martha und den 16 und 18 Jahre alten Töchtern im Stuttgarter Stadtteil Stammheim, wo er In den Weinbergen 28 ein Haus besitzt. Dort genießt der Mann, der gerne in dunklem Anzug, weißem Hemd und Fliege auftritt, hohen Respekt. Ob in der Bank, beim Metzger oder vor der Kirche, überall heißt es „Grüß Gott, Herr Doktor Widmann“. Und sonntags besucht der Chemiker zusammen mit seiner Familie den Gottesdienst in der evangelischen Johanneskirche. Plötzlich, so erinnert sich Ellen Breitling, war Widmann verschwunden. Niemand wusste warum. Erst 1960 oder 1961 habe sie erfahren, dass ihr Chef im Gefängnis sitzen soll. Ihre Tante hatte es erzählt. Widmann sei an der Tötung von Menschen im „Dritten Reich“ beteiligt gewesen, sagte die Tante. Die Leute hätten Giftspritzen bekommen.

1963 taucht Albert Widmann wieder an seinem Wohnort in Stuttgart auf. Noch immer haben nur wenige Stammheimer eine Ahnung davon, was der Chemiker während der NS-Zeit getrieben hat. Einige Wochen später stirbt Widmanns Frau und schon kurz darauf heiratet der Witwer eine frühere Arbeitskollegin und bekommt schließlich ein weiteres Kind. Der Chemiker arbeitet jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lesonalwerk in Stuttgart-Feuerbach. Und er meldet sich regelmäßig bei der Polizei. Sein Haftbefehl war gegen eine Sicherheitsleistung in Höhe von 200.000 Mark in Grundschulden außer Kraft gesetzt, sein Reisepass eingezogen worden.[2]

Albert G. Widmann hatte mit seiner Familie bis kurz vor Kriegsende in Berlin gelebt. Über Österreich ging es dann zu Fuß nach Stuttgart, wo der Sohn eines Lokomotivführers am 8. Juni 1912 geboren und aufgewachsen war. Amerikanische Militärs internieren ihn im Juli 1945, doch sie wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben. So entlassen sie den 33-Jährigen nach wenigen Tagen ohne Angabe von Gründen, bieten ihm sogar einen Job an. Widmann lehnt dankend ab. Er zieht mit seiner Familie in die Daimlerstraße nach Münchingen, Kreis Leonberg.

Hier beginnt seine Nachkriegskarriere mit einer schwerwiegenden Lüge. Widmann verschweigt im Entnazifizierungsverfahren der Spruchkammer Leonberg seine SS-Mitgliedschaft.[3] Der SS-Sturmbannführer war erst 1939 der Terrororganisation beigetreten und schon nach vier Jahren im Range eines Majors Mitglied des SS-Führungskorps. Auch verschweigt der Chemiker seinen eigentlichen Arbeitgeber während der NS-Zeit, das Kriminaltechnische Institut (KTI), das seit 1939 zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gehörte. Das KTI verfügte über Fachleute für alle Arten der biologischen und chemischen Kriegsführung. Geholt hatte ihn damals der KTI-Leiter Walter Heeß [4], der wie Widmann an der Technischen Hochschule in Stuttgart studiert hatte. Albert Widmann war zwar von einem Freund ausdrücklich gewarnt worden, der sagte, bei der Polizei sei auch nicht mehr alles so, wie es früher einmal war. Doch der Stuttgarter sah in Berlin seine Lebensaufgabe und fiel von Anfang an durch Fleiß, Einsatzbereitschaft und Fachkompetenz auf. Er war zuletzt Referatsleiter Chemie und Biologie und verbeamteter Regierungsrat.

All das unterschlägt Widmann vor der Leonberger Spruchkammer, die zwar Ermittlungen über ihn angestellt, doch nichts Nachteiliges gefunden haben will. Widmann selbst hatte angegeben, Mitglied der NSDAP (seit 1. Mai 1937)[5], der Nationalsozialistischen Studentenvereinigung, des NS-Bundes Deutscher Techniker und des NS-Kraftfahrer-Korps gewesen zu sein. Ansonsten hatte die Kammer keine „weitere politische Belastung“ gefunden. Sie stuft Widmann in die Gruppe der Mitläufer ein und verhängt eine kleine Geldbuße.

Da Albert Widmann an der Technischen Hochschule (TH) in Stuttgart studiert hatte, in den Semesterferien am Chemischen Untersuchungsamt der Stadt Stuttgart und am Organisch-Chemischen Institut der TH gearbeitet und dort auch promoviert hatte, war er in der Region bestens vernetzt. So findet er nach dem Krieg schon bald bei der Lackfabrik Votteler eine Stelle und steigt zum Chefchemiker auf. Um keine schlafenden Hunde zu wecken, meldet der einstige Beamte auf Lebenszeit auch keine Ansprüche beim Staat an.

Erst Ende der 50er-Jahre kamen Ermittler Widmann auf die Spur, zumindest auf einen Teil seiner Verbrechen. So wird der Chemiker vor dem Landgericht Düsseldorf 71 wegen Menschenversuchen im Konzentrationslager Sachsenhausen angeklagt, bei denen er 1944 eine selbst hergestellte Giftmunition getestet hatte. Die „Versuchskaninchen“ waren nach einem fast zweistündigen Todeskampf gestorben. Im Mai 1961 verurteilt ihn das Gericht wegen Beihilfe zum Mord zu fünf Jahren Zuchthaus. Nach einer Revisionsentscheidung des Bundesgerichtshofs und einem erneuten Verfahren vor dem Landgericht Düsseldorf wird die Strafe 1962 auf drei Jahre und sechs Monate reduziert. Die ganze Dimension der Verbrechen Albert Widmanns wird der Öffentlichkeit erst im „Gaswagen-Prozess“ in Stuttgart bekannt. Die Staatsanwaltschaft wirft Widmann Beihilfe zum Mord in verschiedenen Fällen vor. Unter anderem habe er sich an der Entwicklung von fahrbaren Gaskammern beteiligt.

Begonnen hatte die kriminelle Karriere des schwäbischen Jung-Chemikers in der Kanzlei des Führers in Berlin. Dort sollte der Fachmann erklären, welche Methode er für die geplante Tötung von Geisteskranken empfehlen würde. Widmann schlug CO-Gas vor. Zur Tarnung hat er die Kohlenmonoxid-Gasflaschen über sein Institut bei der BASF in Ludwigshafen bestellt. Das Gas wurde dann weitergeleitet an die Tötungsanstalten Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, Brandenburg bei Berlin, Hartheim bei Linz, Sonnenstein bei Pirna, Hadamar und Bernburg. Später beschaffte Widmann für Heil- und Pflegeanstalten und sogenannte Kinderfachabteilungen auch Medikamente wie Luminal, Morphium, Skopolamin und Blausäure, mit denen Psychiatrie-Patienten und behinderte Kinder „abgespritzt“, wie es damals hieß, also getötet wurden.

1941 sollte der begabte Stuttgarter „zur Entlastung“ der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD [6] „eine andere Tötungsart“ entwickeln. Denn das Erschießen der Opfer, insbesondere von Frauen und Kindern, verursachte den Tätern zunehmend psychische Probleme. Es wurde ein Verfahren gesucht, das die unmittelbare Konfrontation mit den Opfern ausschließen sollte. Widmann und sein Vorgesetzter Arthur Nebe [7] reisten mit acht Zentnern Sprengstoff, zwei Metallschläuchen und zwei Autos ins damals von den Deutschen besetzte Weißrussland, um zwei neue Methoden zu testen. In einem Wald nahe Minsk ließen die Deutschen 25 geistig Behinderte in einen Unterstand sperren und dann mit 250 Kilogramm Sprengstoff in die Luft jagen. Widmann hatte nach anfänglichen Zündungsproblemen die Detonation selbst ausgelöst. Da im Inneren des Bunkers Stöhnen zu hören war und einige der Opfer blutüberströmt, schreiend und wimmernd aus dem Bunker krochen, wurden noch einmal 100 Kilogramm Sprengstoff zur Explosion gebracht. Im Bunker war es nun totenstill. In der Umgebung lagen Leichenteile, einige hingen auf den Bäumen.[8] Das Experiment war gescheitert, denn die SS suchte eine einfache Mordmethode.

Das zweite Experiment machten die Deutschen mit fünf Patienten des Psychiatrischen Krankenhauses in der weißrussischen Stadt Mogilew. Widmann wollte die geräuschlose Tötung mit Gas testen, wie sie seit 1940 im Deutschen Reich bei der Tötung von geistig und körperlich Behinderten praktiziert wurde. Da sich das in Stahlflaschen abgefüllte Kohlenmonoxid nur mit großem Aufwand über weite Entfernungen transportieren ließ, wollte man die Wirkung von Motorabgasen ausprobieren. Die SS-Schergen lassen deshalb das Fenster eines kleinen Raums im Erdgeschoss eines Klinikgebäudes zumauern. Widmann lässt in die Mauer zwei Rohrstücke einsetzen, die zwei aus Berlin mitgebrachten Metallschläuche darauf stecken, überprüft die Luftdichtigkeit der improvisierten Gaskammer und überwacht die Verbindung des Schlauchs mit dem Motor seines mitgebrachten Dienstfahrzeuges, einer Adler-Limousine. Dann startet sein Fahrer den Motor. Und die Deutschen konnten „durch ein in der Tür befindliches Glasfenster in das Labor hineinsehen“, berichtet Widmann später. Doch weder nach fünf noch nach acht Minuten ist eine Wirkung erkennbar. Daraufhin habe man, so Widmann, „den zweiten Schlauch an einen Mannschafts-Lkw der Ordnungspolizei anschließen lassen. Dann hat es nur noch wenige Minuten gedauert, bis die Leute bewusstlos waren.“ [9 ] Die Methode hat sich bewährt. Es kam nur auf die Dosis an. Über 800 Menschen werden anschließend in dieser Kammer auf dieselbe Weise ermordet.

Aber die Einsatzgruppen benötigen eine bewegliche Tötungseinrichtung. So entwickelt man einen speziellen Kastenaufbau für Fahrzeuge, in dem 30 bis 50 Menschen mit Autoabgasen getötet werden können. Schon innerhalb weniger Monate werden damit Zehntausende von Menschen getötet. Für die „Endlösung“ genügt den Mördern die „Kapazität“ der mobilen Einrichtungen allerdings nicht. In Auschwitz und anderen Vernichtungslagern setzt die SS Zyklon B ein.

Für die Versuche mit Giftmunition im KZ Sachsenhausen hatte das Landgericht in Düsseldorf Albert Widmann Anfang der 60er-Jahre bereits verurteilt. Das Stuttgarter Schwurgericht unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Wolfgang Fischer verurteilt ihn am 15. September 1967 wegen Beihilfe zum Mord in 24 Fällen in Minsk, in fünf Fällen in Mogilew und in 4000 Fällen wegen der Mithilfe bei der Erstellung des Gaswagens zu sechs Jahren und sechs Monaten Zuchthaus. Die Richter rechnen darauf die Strafe des Düsseldorfer Gerichts und die verbüßte Untersuchungshaft an.[10] In der Urteilbegründung gibt das Gericht zu, dass Widmanns Taten in Minsk und Mogilew „in unmittelbarer Nähe zur Mittäterschaft“ gestanden hätten. Als Täter betrachtet es Widmanns Vorgesetzten Arthur Nebe. „Nach der Ansicht mancher namhafter Kommentatoren wäre der Angeklagte in diesen beiden Fällen als Täter abzuurteilen“, heißt es im Urteil. Für die 73 Richter hat Widmann 1967 „offensichtlich reinen Tisch gemacht und sich von seiner schuldbeladenen Vergangenheit distanziert“. Gegen die Zahlung von 4000 Mark an eine Behinderteneinrichtung11 musste Albert Gottlob Widmann – er war seit 1963 wieder auf freiem Fuß – nach dem Urteil nicht mehr ins Zuchthaus. Er ist am 24. Dezember 1986 in Stammheim gestorben.

Quellen und Literatur

Gespräch mit Ellen Breitling in Stuttgart-Stammheim am 1. August 2009 StaL EL902/14, Bü 9999
Vernehmungsprotokoll des Untersuchungsrichters am Landgericht Düsseldorf vom 11. Januar 1960; UR I 13/59
Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 15. September 1967, Az.: KS 19/62
Zu den Urteilen siehe auch Rüter, Christiaan Frederik und de Mildt, D. W.: Justiz und NS-Verbrechen – Die deutschen Strafverfahren wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen. Band XXVI und Band XVIII, Amsterdam 1996
Beer, Mathias: Die Entwicklung der Gaswagen beim Mord an den Juden. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, München 1987, Heft 3
Klee, Ernst: „Euthanasie“ im NS-Staat, Frankfurt/Main 2004
Klee, Ernst: Dokumente zur „Euthanasie“. Frankfurt/Main 1985

Fußnoten

[1] Gespräch mit Ellen Breitling in Stuttgart-Stammheim am 1. August 2009.
[2] Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 15. September 1967, Az.: KS 19/62, S. 2.
[3] StaL EL902/14, Bü 9999.
[4] Heeß wurde am 30. Dezember 1901 in Ludwigsburg geboren. Er war an „Probevergasungen“ und anderen Straftaten beteiligt. Anfang Mai 1945 tauchte er unter. Zuvor hatte sich seine Frau mit ihren Kindern das Leben genommen. Heeß wurde am 2. Dezember 1951 für tot erklärt.
[5] Widmann nennt allerdings ein falsches Datum, nämlich das Jahr 1938.
[6] Die Einsatzgruppen waren Sondereinheiten, die in Ost-Europa mehrere 100.000 Zivilisten ermordet haben. Siehe dazu auch Harald Welzer/Michaela Christ: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Fischer, Frankfurt/Main 2007.
[7] Arthur Nebe, geboren am 13. November 1894, war seit 1937 Chef des Reichskriminalpolizeiamtes, das 1939 im RSHA aufging. Als Kommandeur der SS-Einsatzgruppe B verantwortete er zahlreiche Massaker. Nebe unterhielt Kontakte zum Widerstand. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet. Siehe auch das Kapitel über Paul Werner.
[8] Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 15. September 1967, Az.: KS 19/62, S. 12ff.
[9] Aussage von Albert Widmann vor dem Untersuchungsrichter I beim Landgericht Düsseldorf am 11. Januar 1960.
[10] Urteil, S. 52f.
[11] Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Aktualisierte Ausgabe, Frankfurt/Main 2005, S. 675.

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Walter Nachtmann
Wilhelm Murr und Karl Strölin
Die „Führer“ der Nazis in Stuttgart

Jugend und Prägung: Das „Führerprinzip“ stellte eine der wichtigsten Säulen der nationalsozialistischen Ideologie dar. Der Führer traf die Entscheidungen, die Untergebenen hatten sie zu befolgen. Demokratische Kompromisse hielten die Nationalsozialisten für Unfug und bloße Zeitverschwendung. Befehl und Gehorsam prägten ihr Denken.

Zwei der wichtigsten „Führer“ in Stuttgart waren der NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr und der Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Strölin, zwei Persönlichkeiten, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, die aber gleichzeitig die gesellschaftliche Bandbreite der NSDAP symbolisieren.

Wilhelm Murr stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Er wurde am 16. Dezember 1888 in Esslingen am Neckar als Sohn eines Schlossermeisters geboren. Bereits mit 14 Jahren verlor er seine Eltern und kam in die Obhut seiner älteren Stiefschwester. Nach dem Besuch der Volksschule begann er eine kaufmännische Lehre, was damals als etwas Besonderes galt. Von 1908 bis 1910 leistete er seinen Wehrdienst in Stuttgart ab. Danach arbeitete er bei der Maschinenfabrik Esslingen als kaufmännischer Angestellter. Schon während seiner Ausbildung kam er in Kontakt mit dem Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband (DHV). Diese Standesvertretung der kaufmännischen Angestellten war 1893 in Hamburg von antisemitischen Politikern gegründet worden, um den Einfluss der Sozialdemokratie auf die Angestellten zu verhindern. In dieser Organisation lernte er den extremen Antisemitismus kennen, der sein Weltbild maßgeblich bestimmen sollte.

Karl Strölin dagegen entstammte einer Familie der schwäbischen Ehrbarkeit – jener Personengruppe in Württemberg, die seit Jahrhunderten die wichtigsten Funktionen in Politik, Rechtswesen, Militär, Kirche und Verwaltung einnahm. Fern der schwäbischen Heimat erblickte er am 21. Oktober 1890 in Berlin als Sohn des württembergischen Oberleutnants Karl von Strölin das Licht der Welt. Sein Vater war damals zum Großen Generalstab abkommandiert und brachte es später bis zum General. Auch seine Mutter stammte aus einer schwäbischen Offiziersfamilie.

Nach der Elementarschule besuchte Strölin Gymnasien in Stuttgart und Berlin, ehe er 1902 einen Platz im Preußischen Kadettenkorps erhielt. Damit stand einer Offizierskarriere nichts mehr im Weg. Befehl und Gehorsam bestimmten von nun an das Leben des damals Zwölfjährigen. Privatheit gab es nicht mehr. Allerdings erhielt er im Kadettenkorps auch eine umfassende Ausbildung, die sich an den Lehrplänen eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums (Realgymnasium) ausrichtete. Strölins Militärkarriere verlief konsequent. Nach dem Abschluss der Kadettenanstalt wurde er als Fähnrich in die württembergische Armee übernommen und avancierte später zum Leutnant. Wie es in der deutschen Armee üblich war, verstand er sich als Erzieher der ihm untergebenen Soldaten. Dabei interessierten ihn auch soziale Fragen, aber nur dann, wenn es darum ging, wie man die Arbeiter für das Kaiserreich gewinnen und den Einfluss der Sozialdemokratie schmälern könnte.

Beide, Murr und Strölin, nahmen aktiv am Ersten Weltkrieg teil. Strölin verbrachte die meiste Zeit in Ausbildungs- und Stabsstellen und erreichte bis Kriegsende den Rang eines Hauptmanns. Murr dagegen erlebte einen großen Teil des Kriegs an der Front. Erst gegen Kriegsende und nach einer schweren Verwundung kam er als Vizefeldwebel in Stabsstellen unter.

Ideologische Orientierung und frühe Kontakte zur NSDAP: Das Kriegsende und die Niederlage Deutschlands bedeutete für beide einen Schock. Murr ging wieder in die Maschinenfabrik Esslingen und arbeitete als Lagerverwalter, eine für seine Ausbildung durchaus qualifizierte Aufgabe. Strölin dagegen, der gelernte Krieger, sah sich mit existenziellen Problemen konfrontiert. Niemand brauchte mehr Soldaten. Die deutsche Reichswehr musste auf 100.000 Soldaten reduziert werden. Nach einigen Aufgaben in den württembergischen Sicherheitstruppen – so nahm er an der Zerschlagung der Münchner Räterepublik teil – musste er 1920 unfreiwillig aus der Reichswehr ausscheiden. In Wien studierte er anschließend Staatwissenschaften und promovierte in Gießen mit einer Arbeit über die wirtschaftliche Lage der Stuttgarter Arbeiterklasse vor und nach dem Krieg. Vor allem in Wien kam er mit nationalistisch-ständestaatlichen Ideologen in Kontakt. Nach dem Studium fand er 1923 trotz der Wirtschaftskrise dank guter Beziehungen umgehend eine Stelle im Gaswerk der Stadt Stuttgart.

Seine preußisch-militaristische Ausbildung und die sozial-nationalistischen Überlegungen während seines Studiums bewogen ihn zu einem bewussten Schritt hin zur NSDAP. Diese Partei schien für ihn alles zu verkörpern, was er in seinem bisherigen Leben an Werten gelernt und angenommen hatte. Kaum in Stuttgart angekommen, versuchte es sich noch 1924 an der Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe im Stuttgarter Westen.

Wilhelm Murr dagegen hatte einen weniger intellektuellen Zugang zur NSDAP. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg betätigte er sich erneut für den DHV. Vermutlich über ihn kam er in Kontakt zur völkischen Bewegung – vor allem zum Deutsch- Völkischen Schutz- und Trutzbund (DVST). Die alten antisemitischen Parolen des DHV und die neuen des DVST schienen dem Lagerverwalter ein stimmiges Weltbild zu verschaffen. Wie fast überall in Württemberg entwickelte sich der DVST auch in Esslingen zur Keimzelle der NSDAP. 1922 trat Murr der Partei bei. Zusammen mit einigen Gleichgesinnten ging er daran, eine NSDAP-Ortsgruppe in seiner Heimatstadt aufzubauen.

Sowohl für Strölin wie auch für Murr bedeutete der misslungene Putsch Hitlers im November 1923 zunächst das Ende ihrer nationalsozialistischen Aktivitäten. Die Partei wurde verboten.

Politische Sektierer: Nachdem das Verbot 1925 aufgehoben worden war, ging Hitler sofort daran, die NSDAP neu aufzubauen. Auch seine Esslinger Anhänger folgten dem Ruf ihres Führers. Wilhelm Murr übernahm die Leitung der Ortsgruppe. Seine absolute Treue zu Hitler und sein rednerisches Talent führten ihn über den Posten des Gaupropagandaleiters binnen drei Jahren an die Spitze der württembergischen NSDAP. Am 1. Februar 1928 berief ihn Hitler zum Gauleiter. Neben seinen politischen Aufgaben gehörte er von 1926 bis 1930 dem Betriebsrat der Maschinenfabrik Esslingen an und fungierte als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Esslingen. Die Wahl in den Reichstag am 14. September 1930 bedeutete einen weiteren Karriereschritt.

Mit seinem machtpolitischen Gespür, seinen rhetorischen Fähigkeiten und seiner Führertreue gelang es ihm, seine Position in der heillos zerstrittenen württembergischen NSDAP zu festigen und mögliche Kontrahenten kleinzuhalten. Zu seinem heftigsten Rivalen entwickelte sich der frühere Führer des „Nationalsozialistischen Freiheitsbundes“, Christian Mergenthaler, der seit 1924 völkische Parteien im Landtag vertrat (siehe dazu das Kapitel über Mergenthaler). Dieser fühlte sich Murr wegen seiner akademischen Ausbildung als Mathematiklehrer überlegen.

Ab 1929 stabilisierte sich die Partei im Land zusehends. Die Zahl der Mitglieder und der Besucher bei Propagandaveranstaltungen nahmen deutlich zu. Die NSDAP, bisher eher eine Splitterpartei, wurde nun in steigendem Maße von den politischen Gegnern und den Medien wahrgenommen. Durchaus auch ein Erfolg Murrs und seines propagandistischen Talents.

Strölin dagegen betätigte sich nach 1925 zunächst nicht wieder politisch. Zielstrebig verfolgte er seine zweite Karriere im Städtischen Gaswerk. Als Referent für Statistik und Organisation war er direkt dem Direktor des Werks unterstellt. 1927 wurde er in das Beamtenverhältnis übernommen. Neben seinen Tätigkeiten im Gaswerk übernahm er zusätzlich die Geschäftsführung des Landesverbandes württembergischer Gaswerke. Anlass für die Gründung des Verbands war eine Auseinandersetzung zwischen dem Ruhrkohlesyndikat in Essen und den kommunalen Gaswerken. Das Essener Syndikat wollte ganz Deutschland von der Ruhr aus mit Zechengas versorgen, was das Ende der kommunalen Betriebe bedeutet hätte. Die Gemeinden waren aber auf die Erträge ihrer Energieunternehmen angewiesen. Zudem war Strölin an den heftig ausgetragenen Konflikten zwischen den Gaswerken und den aufstrebenden Elektrizitätswerken beteiligt. In seinem neuen Amt und durch seine Tätigkeit im Gaswerk entwickelte er sich zu einem allseits anerkannten Fachmann für energiewirtschaftliche Fragen. In verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlichte er entsprechende Artikel.

Nach der Reichstagswahl im September 1930, die der NSDAP einen erdrutschartigen Erfolg beschert hatte, änderte sich die politische Großwetterlage. Dies und vor allem die Stuttgarter Rede Adolf Hitlers vom Dezember 1930 brachten Strölin dazu, erneut der NSDAP beizutreten, entsprach diese Partei doch am ehesten den Vorstellungen, die er schon während seines Studiums entwickelt hatte. Eintrittsdatum: 1. Januar 1931.

Auf dem Weg zur Macht: Gut drei Monate später, am 7. April 1931, konnten die Stuttgarter lesen: „Von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Ortsgruppe Stuttgart, ist Stadtamtmann Dr. rer. pol. Strölin als Kandidat für den Posten des Oberbürgermeisters der Stadt Stuttgart aufgestellt worden.“ Nach längerer Suche hatte es die NSDAP in Stuttgart und Württemberg geschafft, Strölin für eine Kandidatur gegen seinen obersten Vorgesetzten zu gewinnen. Die letzte Entscheidung hatte allerdings bei Hitler gelegen. Gemeinsam waren Murr und Strölin nach München gereist, um die Zustimmung einzuholen. Nach einem kurzen Gespräch – Hitler musste gerade einen Putsch von Teilen der SA gegen sich abwehren – stimmte „der Führer“ der Teilnahme an der Wahl zu und bestätigte Strölin als Kandidaten. Wegen der Aufmerksamkeit, die die direkte Wahl eines Oberbürgermeisters hervorrief, sagte Hitler zu, beim Wahlkampf in Stuttgart aufzutreten.

Die Wahl war bereits für den 26. April angesetzt. Die von Murr in Württemberg aufgebaute Propagandamaschinerie der NSDAP funktionierte bestens. Allerdings brauchte man etwas Zeit. Strölin eröffnete den Wahlkampf am 11. April mit einem Artikel im württembergischen Parteiorgan, dem „NS-Kurier“. Unter der Überschrift „Lage der Kommunalwirtschaft“ analysierte er die wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Gemeinden und speziell Stuttgarts. Heftige Kritik äußerte er an den massiven Einsparungen als Folge der Wirtschaftskrise. Dadurch sah er die 191 Lebensgrundlage des Mittelstandes und der Arbeiterklasse bedroht. In seinem Artikel stellte er sich als Wirtschaftsfachmann dar. Der Beitrag hätte auch von einem Kandidaten der Deutschnationalen oder der rechtsliberalen Deutschen Demokratischen Partei stammen können. Mit keinem Wort griff Strölin seinen Kontrahenten, den seit 1911 amtierenden Oberbürgermeister Karl Lautenschlager an, den alle wichtigen Parteien außer der KPD unterstützten.

Schnell wurde während des Wahlkampfs ersichtlich, dass die NSDAP mit verteilten Rollen arbeitete. Strölin trat als „Kandidat des schaffenden Volkes“ auf, präsentierte sich als Fachmann und versuchte so, bis in die Wählerschichten der konservativen und liberalen Parteien einzudringen. Für das Grobe war die Partei zuständig. Sowohl in der Parteizeitung, Herausgeber: Wilhelm Murr, als auch auf Wahlveranstaltungen griffen Parteivertreter Lautenschlager persönlich an und diffamierten das politische System der Weimarer Republik. So nannte Christian Mergenthaler Lautenschlager den „Kandidaten des Marxismus und des bürgerlichen Breis“.

Strölin stellte seinen Wahlkampf ganz unter das gängige nationalsozialistische Schlagwort „Gemeinnutz vor Eigennutz“. Damit unterstellte er den anderen Politikern, eigennützig zu handeln. Er selbst sah sich als Kämpfer für den Mittelstand und die Arbeiterklasse. Marxismus, Materialismus und Liberalismus waren für ihn das Übel des Deutschen Reichs. So bediente er alle Ressentiments der Nationalsozialisten. Deutlich wurde dabei sein Menschenbild: Die Menschen seien zwar vor Gott gleich, nicht aber im Leben. Familie und Religion seien zentrale Punkte im gesellschaftlichen Zusammenleben. Würden diese Werte aufgegeben, so käme es zwangsläufig zu einem Rückfall in die Barbarei.

Mit solchen intellektuellen Überlegungen konnte Wilhelm Murr nicht dienen. Eigene Ideen waren von ihm nicht zu erwarten. Er blieb der rhetorisch begabte Lautsprecher Hitlers. Kritiklos setzte er die politischen und propagandistischen Vorgaben aus der Münchner Parteizentrale in Württemberg um. Gleichzeitig war er darauf bedacht, seinen ewigen Widersacher Mergenthaler in Schach zu halten.

Strölin konnte bei der Wahl einen Achtungserfolg verbuchen. Obwohl Lautenschlager ihm haushoch überlegen war, hatte er es doch geschafft, den KPDKandidaten hinter sich zu lasen. Zudem hatte er trotz geringerer Wahlbeteiligung mehr Stimmen für die NSDAP geholt als bei der Reichstagswahl wenige Monate zuvor. Nach der Wahl bat Strölin Lautenschlager um eine Unterredung und – für einen Nationalsozialisten ungewöhnlich – entschuldigte sich bei ihm für die Angriffe während des Wahlkampfs. Angeblich seien sie ohne sein Wissen und Wollen geschehen. Selbst der NS-Kurier entschuldigte sich. So wollte man ein neues Image schaffen.

Damit erzielte Strölin einen gewissen Erfolg. Sein Kotau machte ihn auch für bürgerliche Wählerschichten interessant. Bei den Gemeinderatswahlen Ende 1931 zog er mit der höchsten Stimmenzahl in das Stadtparlament ein. Obwohl er in seiner Antrittsrede als Fraktionsführer der NSDAP eine sachliche Mitarbeit in Aussicht stellte, fiel er doch eher durch Unkenntnis, Propaganda und vor allem Besserwisserei auf.

Nach der Landtagswahl 1932, bei der die NSDAP auch in Württemberg zur stärksten Partei wurde, gab Murr sein Reichstagsmandat auf und wechselte in den Stuttgarter Landtag. Damit wollte er vor Ort Präsenz beweisen und dieses Gremium nicht seinem ewigen Widersacher Mergenthaler überlassen, der nun als Landtagspräsident fungierte. Angesichts der politischen Machtverhältnisse verlor das Landesparlament jedoch zunehmend an Bedeutung. Wie im Reich regierte auch die Landesregierung mit Notverordnungen.

Im Landtag schwieg Murr meistens. Wenn er doch das Wort ergriff, sprach aus ihm der nationalsozialistische Propagandist. Das einzige Heil sah er in einem Staat unter Führung der NSDAP. Auf eine Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Berthold Heymann pöbelte er im Landtag: „Wir verbitten uns, dass ein Jude ein Urteil über deutsche Kultur abgibt.“ In solchen Ausfällen zeigte sich sein abgrundtiefer Hass auf die Juden. Ein solcher Spruch wäre von Strölin nie zu hören gewesen. Er habe nichts gegen Juden, betonte dieser, aber er sei auch nicht ihr Freund.

Die Erfolge der NSDAP bei den acht Wahlen zwischen 1930 und 1932 festigten die Position Murrs als NSDAP-Führer in Württemberg.

Die Machtergreifung: Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 veränderte an der Situation in Württemberg zunächst wenig. Die amtierende Regierung blieb im Amt. Der Wahlkampf für die Reichstagswahl im März verlief im Vergleich zu anderen deutschen Staaten noch relativ demokratisch, auch wenn es schon Einschränkungen für die linken Parteien gab.

Nach der Wahl ging die NSDAP daran, in Württemberg die Macht zu ergreifen. Nach längerem Hin und Her (Murr gegen Mergenthaler) wählte der Landtag am 15. März 1933 Wilhelm Murr zum neuen Staatspräsidenten. Wenige Wochen später avancierte er zum Reichsstatthalter in Württemberg. Sein Rivale Mergenthaler übernahm das Amt des Ministerpräsidenten und das Kult(us)ministerium. Damit waren viele Konflikte für die nächsten zwölf Jahre vorgezeichnet. Die beiden restlichen Regierungsmitglieder waren bessere Staffage.

Neben der politischen Machtergreifung bestimmte Terror das Leben in Deutschland, in Württemberg und in Stuttgart. Politische Gegner wurden von den Schlägertrupps der SA und der NSDAP misshandelt oder gar ermordet. Schon nach wenigen Tagen entstand auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Heuberg bei Stetten am Kalten Markt auf der Schwäbischen Alb das erste Konzentrationslager Württembergs.

Kaum an der Macht, ging Murr daran, die Kommunen unter die Kontrolle der NSDAP zu bringen. Strölin vertraute er am 16. März 1933 Stuttgart an. Mit dem lapidaren Satz: „Die Zeitverhältnisse zwingen mich, die Verwaltung der Landeshauptstadt Stuttgart kommissarisch in die eigene Hand zu nehmen. Ich bestelle hiermit als Staatskommissar Herrn Stadtrat Dr. Strölin“ leitete er den Machtwechsel ein.

Dieses Schreiben hielt Strölin dem verdutzten Oberbürgermeister persönlich unter die Nase und erklärte ihm, dass nun alle Vorgänge über seinen Schreibtisch laufen müssten. Lautenschlager empfand sich nur noch als „Brieföffner des Staatskommissars“. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen und württembergischen Städten ließ man den alten Oberbürgermeister jedoch offiziell in seinem Amt. Zu sagen oder gar zu entscheiden hatte er jedoch nichts mehr. Folgerichtig fand man auch eine „einvernehmliche“ Lösung: Lautenschlager schied Mitte des Jahres aus Altersgründen aus seinem Amt aus. Er wollte nicht länger als Strölins Marionette wirken, wie er nach Kriegsende betonte. Strölin amtierte ab dem 1. Juli 1933 als Oberbürgermeister.

Die Stadt im Würgegriff der Nazis: In geradezu atemberaubender Geschwindigkeit versuchten Strölin und Murr, die nationalsozialistische Ideologie – oder das, was sie darunter verstanden – in ihren Einflussbereichen durchzusetzen. Dabei griffen sie auf rechtliche Möglichkeiten zurück, die neu geschaffen worden waren, auf Kompetenzen, die ihnen qua Amt zustanden, oder auf schiere Gewalt. Strölin ging dabei etwas vorsichtiger zu Werke als Murr, aber auch er ließ beispielsweise den jüdischen Vorsitzenden des Deutschen Auslandsinstituts aus dem Amt prügeln. Sozialdemokratische Gemeinderäte – die kommunistischen waren ohnehin schon verhaftet – warnte er davor, das Rathaus nochmals zu betreten. Einige landeten im KZ auf dem Heuberg.

Strölin und Murr begannen außerdem umgehend mit der politischen „Säuberung“ von Verwaltungen und Betrieben. Juden, aktive Sozialdemokraten und Kommunisten und selbst einige wenige Liberale verloren ihre Arbeitsplätze. Alte Kämpfer der NSDAP rückten für sie nach. So sah der von Strölin und Murr seit Jahren gepredigte Kampf gegen die Parteiherrschaft in Wirklichkeit aus. Dies alles betraf in erster Linie die Arbeiter und Angestellten der Städte und des Landes. Beamte waren fast nicht betroffen.

Mit einer Vielzahl von Verordnungen setzten Strölin und Murr das nationalsozialistische Gedankengut um.

Je mehr sich das System in der zweiten Hälfte des Jahres 1933 stabilisierte, desto mehr zeigten sich gewaltige Unterschiede zwischen Strölin und Murr, die auf ihren unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten beruhten. Strölin entwickelte pausenlos neue Ideen, mit denen er das nationalsozialistische Weltbild in Stuttgart umsetzen wollte. Dagegen war Murr wie schon in den Jahren vor 1933 intellektuell nicht in der Lage, neue Anstöße zu geben. Der Gauleiter und Reichsstatthalter war mit seinem Posten schlicht überfordert. Das meiste, was von Murr an Ideen in die Landespolitik einfloss, entstammte dem Kreis seiner Mitarbeiter – allen voran von seinem Staatssekretär Karl Waldmann, einem nationalsozialistischen württembergischen Beamten, der die Reichsstatthalterei am Laufen hielt.

Strölins politisches Handeln war tief geprägt von „rassehygienischen“ Vorstellungen. Die Substanz des deutschen Volkes war ihm zufolge durch Degeneration bedroht. Entsprechend begann er mit einer Politik, die einerseits gesellschaftliche Randgruppen aussortieren und andererseits vermeintlich „rassisch hochwertigen Volksgenossen“ Vorteile verschaffen sollte. Verheiratete Frauen wurden durch ein städtisches Mutterschaftsdarlehen dazu gebracht, ihren Beruf aufzugeben. Beamtinnen mussten nach der Heirat aus dem Dienst der Stadt ausscheiden. „Rassisch minderwertige Deutsche“ wurden mit den verschiedensten Maßnahmen kontrolliert und drangsaliert. In einem städtischen Gut in Buttenhausen bei Münsingen richtete die Stadt ein eigenes Lager für „Asoziale“ ein. Bewaffnete Aufseher trieben dort die Insassen in der Landwirtschaft an. Das Gesundheitsamt pflegte Karteien zu den verschiedensten Erbkrankheiten der Einwohner.

Wilhelm Murr gefiel sich in seinem Amt als Reichsstatthalter und Gauleiter und genoss das Ansehen und die Vorzüge dieses Amtes. Er verkörperte die von den Nazis geforderte Dualität von Staat und Partei in einer Person. Allerdings stand bei ihm die Partei im Vordergrund. Beamte, die Forderungen von NSDAP-Stellen aus rechtlichen Gründen ablehnten, bezeichnete er als kleinkariert. Murr blieb in erster Linie der Propagandist, der die Sprachregelungen aus München und Berlin in seine Reden übernahm – und er blieb der radikale Antisemit. Fast keine seiner Reden kam ohne dieses Thema aus. Dabei konnte es durchaus vorkommen, dass Murr aus einer Belanglosigkeit eine Staatsaffäre machte. Ein Beispiel dafür ist ein Erlass des württembergischen Innenministeriums, das während des Zweiten Weltkriegs den Frauen verbot, Männerhosen zu tragen. Dieser Erlass war auf ausdrücklichen Wunsch des Gauleiters, Reichsstatthalters und Reichsverteidigungskommissars zustande gekommen.

Außer seinen Posten in Württemberg hatte Murr keine weiteren Ämter inne, Strölin dagegen war Stuttgart schon bald zu klein. Er strebte nach Höherem und übernahm eine Vielzahl von Ämtern, die ihm Einfluss verschaffen sollten. So war er im Deutschen Gemeindetag für Energiepolitik zuständig, im Reichshauptamt für die Kommunalpolitik der NSDAP-Reichsleitung, wo er für den Erhalt kommunaler Energieversorgungsunternehmen kämpfte. Maßgeblich war er beispielsweise an der Formulierung des Energiewirtschaftsgesetzes beteiligt, das in der Bundesrepublik noch lange gültig war. Als Vorsitzender und später als Präsident des Deutschen Auslandsinstituts in Stuttgart (heute: Institut für Auslandsbeziehungen) wollte er den Kontakt zu den Deutschen im Ausland und deutschen Auswanderern verbessern und sie für die Sache des Nationalsozialismus gewinnen. Stuttgart erhielt deshalb offiziell den Titel „Stadt der Auslandsdeutschen“. Einer der Höhepunkte von Strölins Karriere dürfte 1936 eine Rede im New Yorker Madison Square Garden im Anschluss an die traditionelle Steuben-Parade gewesen sein. Weitere internationale Anerkennung erlangte er durch seine aktive Mitarbeit im „Internationalen Verband für Wohnungswesen und Städtebau“, dessen Vorsitz er 1938 übernahm. Vollkommen ungewöhnlich für einen Nationalsozialisten, arbeitete er dort eng mit französischen, belgischen und Schweizer Sozialisten zusammen. Mit dem früheren französischen Sozialminister der Regierung Blum und Bürgermeister von Suresne bei Paris, Henri Sellier, verband ihn sogar eine engere Freundschaft. Delegationen aus beiden Orten besuchten sich gegenseitig.

Manchmal konnte sich sogar Murr in den Aktivitäten seines Stuttgarter Oberbürgermeisters sonnen. Die Tagungen der Auslandsdeutschen in Stuttgart boten ihm eine Bühne, um sich selbst darzustellen und die wichtigsten Leute des Dritten Reichs zu empfangen. Selbst zu einer Reise nach London und einem Abend in der dortigen Deutschen Handelskammer verhalf ihm Strölin, der die Reise mit „dienstlichen Gesprächen“ verband.

Krieg und „Widerstand“: 1939 war Karl Strölin auf der Höhe seiner Macht. Doch mit Kriegsbeginn konnte der Oberbürgermeister seinen internationalen Ambitionen nicht mehr frönen. Wilhelm Murr dagegen erhielt mit dem Posten des Reichsverteidigungskommissars zusätzliche Kompetenzen. Trotzdem konnte Strölin zunächst noch einen Erfolg verbuchen. Durch die Umstrukturierung der Reichsleitung der NSDAP erlangte er 1940 das Amt eines Reichsamtsleiters der NSDAP. Damit hatte er rangmäßig mit Murr gleichgezogen.

Sein endgültiger Sturz begann 1941. Strölin hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Nachdem die Ermordung von Geisteskranken in Grafeneck nach heftigen Protesten der Kirchen hatte eingestellt werden müssen, reagierte die nationalsozialistische Führung im Reich und in Württemberg zunehmend religionsfeindlich. In genau dieser Zeit intensivierte Strölin jedoch seine Kontakte zur evangelischen Landeskirche und ihrem Bischof Theophil Wurm. Die religiöse Betreuung von volksdeutschen Umsiedlern, die in Württemberg in Lagern untergebracht waren, bildete den Auslöser. Strölin beschwerte sich als Präsident des Deutschen Auslandsinstituts bei Murr schriftlich, dass die Kirchen keinen Zugang zu den Lagern hätten. Dieser Brief, den er als Kopie auch an Wurm gesandt hatte, fand den Weg in die Öffentlichkeit. Murr, der seinen Burgfrieden mit der evangelischen Kirche aufgekündigt hatte, empfand den Brief als enorme Kränkung und ließ ein Parteiverfahren gegen den aufmüpfigen Oberbürgermeister einleiten. Ziel war es, ihn aus seinen Parteiämtern zu verdrängen. Als sich die Lage als aussichtslos erwies, trat Strölin 1943 von seinem Amt in der Reichsleitung der NSDAP zurück. Damit war er nur noch ein normaler Oberbürgermeister einer Großstadt.

In dieser Funktion trug Strölin alle Maßnahmen gegen Juden und andere verfolgte Minderheiten mit. Im Gegensatz zu Murr enthielt er sich jedoch auch in der Kriegszeit fast jeglicher antisemitischer Rhetorik. Der Gauleiter dagegen machte entsprechend der NS-Propaganda die Juden für den Krieg verantwortlich und drohte ihnen mit Ausrottung. Bis zum Ende beschwor Murr den Kampfesmut der deutschen Soldaten, die letztlich siegreich sein würden.

Der gelernte Soldat Strölin hatte beste Kontakte in alle Bereiche der Reichsverwaltung und der Wehrmacht. In unzähligen Gesprächen informierte er sich aus den verschiedensten Quellen über den wirklichen Kriegsverlauf. Schon beim ersten Stocken des Angriffs auf die Sowjetunion und angesichts der Nachrichten von befreundeten Offizieren von der Ostfront zweifelte er am schnellen Erfolg des Krieges. Nach dem Kriegseintritt der USA und den deutschen Niederlagen bei Stalingrad und in Nordafrika hielt er den Krieg eigentlich für verloren. Als sich der Kreis der Gegner um Deutschland immer enger schloss, erachtete er eine Kapitulation in Ehren, solange kein deutsches Gebiet besetzt war, für die beste Lösung.

Damit stand er auf einer Linie mit seinem guten Bekannten Carl Goerdeler, der bis 1937 Oberbürgermeister von Dresden gewesen war und inzwischen in Stuttgart für die Firma Bosch arbeitete. Aus der früheren Begeisterung für Hitler und den NS-Staat wurde nun Skepsis. Strölin dachte über Alternativen zum bestehenden System nach und entwickelte einige Gedanken, die aber nur auf eine Optimierung des Systems hinausliefen, nicht auf dessen Überwindung. Er wollte das NS-System reformieren, ohne seine Ideologie zu ändern oder gar zu beseitigen. Jedenfalls versuchte er Erwin Rommel, den er schon seit seiner Zeit in der Württembergischen Armee kannte, dafür zu gewinnen, Hitler zu einer Beendigung des Krieges zu überreden.

Kriegsende: Obwohl die Alliierten seit Ende 1944 deutsche Gebiete besetzten, verkündete der Propagandist Murr fast gebetsmühlenartig die Überlegenheit der deutschen Soldaten, die auch in dieser Bedrängnis den Feind niederringen würden. Trotzdem machte er sich entsprechend den Vorschriften aus Berlin Gedanken, wie man im Falle einer drohenden Besetzung Württembergs reagieren sollte. In Murrs Umfeld entwickelte man allen Ernstes die Idee, die Stuttgarter Bevölkerung Richtung Süden zu evakuieren – die Menschen hätten zu Fuß gehen müssen – und die Stadt zu zerstören. Nach zähen Verhandlungen mit Strölin sah Murr schließlich ein, dass dies undurchführbar war. Deshalb willigte er auch ein, Infrastruktureinrichtungen wie die Wasser-, Gas- und Stromversorgung durch Ausbau etwa von Maschinenteilen nur zu „lähmen“ und nicht zu zerstören.

Als sich Amerikaner und Franzosen der Stadt näherten, floh Murr in Richtung Oberschwaben und Vorarlberg. Seine Flucht endete in Egg im Bregenzer Wald, wo zunächst seine Frau und dann er sich mit Giftkapseln das Leben nahmen.

Strölin, dem Murr befohlen hatte, die Stadt zu verlassen, blieb und nahm über elsässische Mittelsmänner Kontakt zu den französischen Einheiten auf. Am 22. April 1945 übergab er die Stadt den Siegern, die ihn in seinem Amt bestätigten. Wenige Tage später nahmen ihn die Amerikaner fest. Immerhin konnte er mit Arnulf Klett den Franzosen noch seinen Nachfolger vorschlagen. Nach seiner Festnahme landete Strölin zunächst im Lager für Haupt-Kriegsverbrecher. Dort stellte man aber fest, dass er nicht als Angeklagter, sondern nur als Zeuge für die Nürnberger Prozesse taugte.

Nach seiner Freilassung aus der Internierung durchlief er das übliche Entnazifizierungsverfahren, in dem er als Minderbelasteter eingestuft wurde. Es gelang ihm, vor dem Verwaltungsgericht eine Pension als Beamter von der Stadt zu erstreiten – der Richter war ehemaliges NSDAP-Mitglied. Bis zu seinem Tod am 17. Januar 1963 lebte Strölin in Stuttgart bei Bekannten. Er hat nie eingesehen, welches Unrecht er begangen hat. Alles, was er in seiner Zeit als Oberbürgermeister veranlasst habe, sei stets mit den damaligen Gesetzen in Einklang gestanden.

Literatur

Projekt Zeitgeschichte, Kataloge, 5 Bde. Stuttgart 1982–1984
Müller, Roland: Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 1988
Nachtmann, Walter: Karl Strölin. Stuttgarter Oberbürgermeister im Führerstaat, Tübingen 1995
Sauer, Paul: Wilhelm Murr. Hitlers Statthalter in Württemberg, Tübingen 1998
Sauer, Paul: Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 1975
Schnabel, Thomas: Württemberg zwischen Weimar und Bonn 1928–1945/46,
Stuttgart 1986

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